15.03.2017

Metzger Schmidt hat einen schönen Laden. Sein Ladenbauer durfte sich austoben und hat Klein-Neviges gebaut. Deckenmalereien wie in der Sixtinischen Kapelle – aber ohne Adam und Eva –, die wichtigsten Bauten des Dorfes dreidimensional aus Pappmaschee und überall Malereien mit leicht falschen Perspektiven, die das Gesamtkunstwerk richtig sympathisch machen. Er teilt sich den Laden mit dem Bäcker, der die Brötchen für die Leberkäse- und Mettbrötchen liefert. Mittags gibt’s ein Stammessen für kleines Geld, immer mit viel Fleisch und deftig, außer freitags, dann gibt’s Rotbarsch mit Senfsoße oder Heringsstipp mit Pellkartoffeln. Samstags gibt’s Eintopf. Im Schaufenster die Meisterbriefe, Diplome und Pokale, zum Beispiel die Goldmedaillen für die geräucherte Leberwurst und für den Kochschinken, den, selbst gemacht von Herrn Schmidt, nur seine Mitarbeiterinnen vernünftig aufschneiden. Hauchdünn. Der Vater konnte das nie. Oder wollte das nicht. Aber die Ziesenwurst, seine Ziesenwurst, inzwischen vom Junior übernommen, gehört zu den besten Sachen, die man im Laden kaufen kann. Den Kartoffelsalat dazu, »nach Bayernart«, füllt er in kleine Töpfchen aus Plastik. Noch. Der Laden verabschiedet sich gerade von Kunststoffverpackungen. Die Papiertütchen und das Einwickelpapier, mit denen man sich in der Fuzo sehen lassen kann, sind eh schöner. Familie Schmidt kommt aus Bayern. Sie ist schon eine Ewigkeit im Kaff, kann jedoch das Feiern nicht lassen. Im September das Oktoberfest mit Weißwurst und Schweinshaxen, Leberknödeln und blauweißen Rauten überall im und vor dem Laden. Das Personal verkleidet sich einheitlich ausheimisch, und die Brötchenverkäuferin macht mit. Bei Welt- und Europameisterschaften im Fußball geht’s um die Wurst. Herr Schmidt dekoriert das Schaufenster mit kleinen Fußballerfiguren auf Kunstrasen und textet: »Qualität zur WM. Auf dem Feld – und in der Pfanne«. Das kann kein Werbetexter besser. – (Norbert Molitor: Im Kaff der guten Hoffnung, Piper Verlag)